Ursachen und Folgen von Ehescheidung


Einleitung

I. Statistische Entwicklung der Scheidungszahlen in der Bundesrepublik Deutschland

II. Scheidungsursachen

III. Folgen der Ehescheidung Literatur



Einleitung


Die vermeintliche Krise der modernen Kleinfamilie wird oft an der extremen Zunahme der Ehescheidungszahlen festgemacht. In der Bundesrepublik wird mittlerweile jede dritte der heute geschlossenen Ehen wieder geschieden. Untersuchungen belegen, daß in etwa der Hälfte der Fälle minderjährige Kinder mitbetroffen sind, womit auch die Zahl der Ein-Eltern-Familien steigt, insbesondere der Mutterfamilien. Gleichzeitig nimmt aufgrund der zwar rückläufigen Zahl der Wiederverheiratungen die Zahl der Stieffamilien dennoch zu. Biologische und soziale Elternschaft fallen somit immer häufiger auseinander.


Es ist heute sicherlich nicht leicht, eine gute Ehe - was immer man darunter versteht - zu führen. Die industrielle Revolution, die der Familie ihre wirtschaftliche Grundlage als Produktions- und Arbeitsgemeinschaft entzog und die damit zusammenhängende Verlagerung des Schwerpunktes der Ehe auf die persönliche Beziehung der Ehegatten, scheint die Ehe - statistisch gesehen - im Laufe der Zeit zu einer Institution mit einem recht labilen Gleichgewicht gemacht zu haben.


Im allgemeinen Bewußtsein gilt die Scheidung als ein ausgesprochen modernes Phänomen, das als Massenerscheinung vor allem auf die Industrieländer beschränkt ist. Die Vergangenheit erscheint uns als die Zeit des ungetrübten Familien- und Eheglücks, in der es keine Scheidungen gab und Norm und Wirklichkeit weitgehend übereinstimmten. Das Eheverständnis der Vergangenheit aus heutiger Sicht ist von einem verklärten und idealisierten Ehebild geprägt. Der zur damaligen Zeit vermeintlichen Familienidylle und der "klassischen Normalfamilie", bestehend aus Mutter, Vater und Kindern, wird nostalgisch und z.T. wehmütig nachgetrauert.


Der Blick in die Kulturgeschichte korrigiert wesentlich dieses falsche Bild. Die Scheidung ist weder ein modernes Phänomen noch auf die Industriegesellschaft beschränkt, sondern in allen Kulturen ein ständiger Begleiter der Ehe. Bereits der Hammurabi Codex (1700 v. Chr.) enthält Scheidungsbestimmungen (vgl. Wagnerová, S. 26). Die Form der Scheidung weicht jedoch je nach Kultur, in der sie vollzogen wird, voneinander ab. So gibt es in Kulturen, in denen die Eheschließung formlos eingegangen wird auch nur die formlose Ehescheidung und in Gesellschaften, in denen es ein kodifiziertes Eherecht gibt, gibt es auch nur ein kodifiziertes, je nach Auffassung der Ehe, enger oder weiter gefaßtes Scheidungsrecht.


Die Bedeutung, die der Scheidung in einer Gesellschaft zukommt, hängt nicht so sehr von den Scheidungszahlen selbst ab, sondern vor allem von der Auffassung der Ehe und den Traditionen, die eine Gesellschaft prägen. So beruhte die starke Mißbilligung und Ablehnung der Scheidung im europäischen Kulturraum auf dem christlichen Verständnis der Ehe als unauflösliches Band. Sie galt als zu sanktionierende moralische Verfehlung und wurde später für ein pathologisches Phänomen erklärt, das einer therapeutischen Behandlung bedurfte. Aufgrund der fortgestrittenen Säkularisierung und vor allem durch den Wertewandel, wird die Scheidung heute jedoch als legitimes Mittel ehelicher Konfliktlösung akzeptiert und seltener als moralische Verfehlung angesehen. Auch aus soziologischer Sicht stellt die Ehescheidung eine Ventilinstitution dar, um unerträglich gewordene Spannungen und Konflikte zwischen den Ehegatten zu beseitigen. Die Bundesregierung hat mit der Reform des Scheidungsrechts im Jahr 1976, mit dem Übergang vom Schuld- zum Zerrüttungsprinzip, erst sehr spät auf diese Entwicklung reagiert. In der ehemaligen DDR wurde das Zerrüttungsprinzip bereits 1955 zur Grundlage des Scheidungsrechts. Die Scheidung wurde den Ehegatten leichtgemacht und besaß auch nicht den stigmatisierenden Charakter wie in der Bundesrepublik.


Ich möchte hier der Frage nachgehen, welche Ursachen für die Ehescheidung verantwortlich sein können und welche Folgen eine Ehescheidung insbesondere für die Kinder hat. Dazu stelle ich im ersten Teil die statistische Entwicklung der Scheidungszahlen in der Bundesrepublik Deutschland dar. Im zweiten Teil versuche ich die Ursachen der Instabilität von Ehe und Familie herauszuarbeiten und gehe im dritten und letzten Teil auf die Folgen von Ehescheidung ein.




Literatur


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Napp-Peters, Anneke: Familien nach der Scheidung, 1. Aufl., Verlag Antje Kunstmann GmbH, München 1995 Nave-Herz, Rosemarie: Familie heute - Wandel der Familienstrukturen und Folgen für die Erziehung, Wiss. Buchges. Darmstadt 1994

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Peuckert, Rüdiger: Familienformen im sozialen Wandel, 2. Auflage, Leske + Budrich, Opladen 1996 Rottleuthner-Lutter, Magret: Ehescheidung, in: Nave-Herz/Markefka (Hrsg.): Handbuch der Familien- und Jugendforschung, Bd. I: Familienforschung, Luchterhand, Neuwied und Frankfurt 1989, S. 607-623

Sander, Elisabeth: Kinder alleinerziehender Eltern, in: Markefka, M./Nauck, B. (Hrsg.): Handbuch der Kindheitsforschung, Luchterhand, Neuwied Kriftel Berlin 1993, S. 419-427

Wagnerová, Alena K.: Scheiden aus der Ehe. Anspruch und Scheitern einer Lebensform, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbeck bei Hamburg 1982

Wallerstein, Judith/Blakeslee, Sandra: Scheidung - Gewinner und Verlierer, in: Beck, U./Beck Gernsheim, E. (Hrsg.): Riskante Freiheiten. Individualisierung in modernen Gesellschaften, Suhrkamp, Frankfurt a. M. 1994

Walper, Sabine: Stiefkinder, in: Markefka, M./Nauck, B. (Hrsg.): Handbuch der Kindheits- forschung, Luchterhand, Neuwied Kriftel Berlin 1993, S. 429-438


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