Wandel der Familienstrukturen und Folgen für die Sozialisation von Kindern


Einleitung

I. Veränderungen in der Eltern-Kind-Beziehung

II. Wandel der Familienstruktur und seine Folgen für die Sozialisation Literatur



Einleitung


In den Medien sind häufig Berichte über Gewalt an Schulen, Alkohol- und Drogenmißbrauch, Ausländerfeindlichkeit, Antisemitismus und Politikverdrossenheit, über Kindesmißhandlungen, Rabenmütter und -väter, die ihre Kinder verwahrlosen lassen, Werteverfall u.a.m. zu lesen. Es wird vom Ende der Ehe und Familie sowie der Erziehung, vom Verfall der Familie, von der Familie als Auslaufmodell, von Patchworkfamilien, von dramatischen Auflösungserscheinungen in den privaten Beziehungen und von der Ausbreitung konsumorientierter und egozentrischer Singles gesprochen. Kurz gesagt, der Familie wird eine düstere Zukunft prognostiziert. Die daraus resultierenden gesamtgesellschaftlichen Konsequenzen seien verheerend.

Vor allem Lehrer beklagen sich über Konzentrationsschwächen, Anpassungsschwierigkeiten, Verweigerungen, Verhaltensstörungen, zunehmende Aggressivität und Gewalt gegenüber Mitschülern u.a.m. Schuld daran sind nach Meinung vieler Lehrer kaputte Familienverhältnisse und die daraus resultierenden negativen Folgen für die Erziehung. Zudem kämen viele Eltern mit ihren Kindern nicht mehr klar. Sie seien verunsichert, was richtig und was falsch für ihre Kinder sei. Insbesondere alleinerziehende Mütter seien mit ihrer Rolle überfordert.

Die steigenden Scheidungszahlen, die abnehmende Geburtenrate, die Zunahme der Ein-personenhaushalte und die steigende Zahl alleinerziehender Eltern wird in der Öffentlichkeit als Indiz genommen, daß die Familie und deren Erziehung, um es milde auszudrücken, in die Krise geraten ist. Es ist die Rede davon, daß sich die Gesellschaft zu einer Gesellschaft von egozentrischen Einzelkindern entwickle. Zudem wird eine defizitäre Vorstellung von der Ein-Eltern-Familie vermittelt, deren Kinder geradezu für Entwicklungsschäden prädestiniert seien. Der zur damaligen Zeit vermeintlichen Familienidylle und der "klassischen Normalfamilie", bestehend aus Mutter, Vater und Kindern, wird nostalgisch und z.T. wehmütig nachgetrauert. Es wird die Meinung vertreten, daß eben diese nicht existierenden und kaputten Familien die allererste Ursache für die zunehmende Gewaltbereitschaft, Kriminalität und Devianz von Kindern und Jugendlichen seien.

In der Familienpolitik wie auch in der Öffentlichkeit wird die sinkende Geburtenrate vor allem in Hinblick auf die in Zukunft zu erwartenden Probleme mit der Rentenversicherung, der Altenpflege und mit den verschiedensten gesellschaftlichen Infrastruktureinrichtungen diskutiert. Dabei erscheint es mir jedoch genauso wichtig, die aus dem Geburtenrückgang und dem Wandel der Familienstrukturen resultierenden Konsequenzen für die Sozialisation von Kindern selbst mitzubedenken.

Ich will hier der Frage nachgehen, welche Folgen der Wandel der Familienstrukturen für die Erziehung und die Sozialisation von Kindern in der Bundesrepublik Deutschland hat und ob die Familienverhältnisse tatsächlich allein für die oben beschriebenen Probleme verantwortlich gemacht werden können.

Im ersten Teil werde ich die Veränderungen der Eltern-Kind-Beziehung seit der Nachkriegszeit darstellen und auf die Bedeutung dieser Beziehung für die Entwicklung der Kinder eingehen. Dazu werde ich zunächst die Eltern-Kind-Beziehung aus der Sicht der damaligen familien-soziologischen Untersuchung von Wurzbacher beschreiben, um dann die Veränderungen seit der Nachkriegszeit herausarbeiten zu können. Daran anschließend werde ich auf die Bedeutung der Eltern-Kind-Beziehung für die Entwicklung des Kindes eingehen.

Im zweiten Teil geht es um den Wandel der Familienstrukturen und seine Folgen für die Sozialisation von Kindern. Dazu werde ich die demographischen Entwicklungstrends aufzeigen, auf die gestiegene Erwerbstätigkeit von Müttern und deren Auswirkungen für die kindliche Entwicklung eingehen und die unterschiedlichen Probleme von alleinerziehenden Eltern, Stieffamilien und Ein-Kind-Familien skizzieren und dabei versuchen zu zeigen, daß die Ursache für die oben beschriebenen Probleme der Kinder und Jugendlichen die Familien-strukturen sein können, aber nicht sein müssen.




Literatur

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